Samstag, 6. Januar 2018

Alltag eines Sonderpädagogen

Auf Spiegel Online ist gestern ein Artikel über einen Sonderpädagogen erschienen, der von seiner Arbeit erzählt und ein ziemlich ernüchterndes Fazit zieht: "Von meinen Idealen ist nichts mehr übrig". Der Artikel gehört zu der Reihe "Das anonyme Job-Protokoll", welche zeigen möchte, wie der Alltag wirklich aussieht.

www.pixabay.com/de/

Ich finde den Artikel insgesamt ziemlich ernüchternd. Bei einigen Punkten kann ich dem Kollegen zustimmen, bei anderen nicht. Vor allem deswegen, weil bei mir oft völlig andere Bedingungen geben sind. Ich konnte bisher nicht herausfinden, in welchem Bundesland er unterrichtet und welchen Schwerpunkt seine Sonder-/Förderschule hat.
Daher wollte ich bei euch einmal nachfragen: Unterrichtet ihr unter ähnlichen Bedingungen? Könnt ihr die Sichtweise aus dem Artikel bestätigen? Oder habt ihr bisher andere Erfahrungen machen können?

Kommentare:

  1. Hallo
    was ich echt unterschreiben kann ist der Frust über die sich verändernden Klassenstärken. Ich unterrichte nun schon seit mehreren Jahren Klassen mit 16 Kindern mit unterschiedlichstem Förderbedarf. Bei Wochenplänen und Zeugnissen stoße ich so langsam an meine Grenzen ....und ich habe ständig ein schlechtes Gewissen, dass für den Einzelnen so wenig Zeit bleibt.

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    1. Letztes Jahr habe ich auch innerhalb einiger Wochen vier neue Schüler in die Klasse bekommen. Das stellt einen erst einmal vor eine kleine Herausforderung. Damit waren es aber insgesamt 12 und keine 16 Schüler. Dass du dich da so fühlst, als könnte man keinem gerecht werden, kann ich absolut nachvollziehen. Alles Gute dir!
      Liebe Grüße, Susi

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  2. Hallo Susi,
    ich arbeite in NRW an einer Förderschule mit den Schwerpunkten Lernen und Emotional-Soziale Entwicklung, bin mittlerweile seit 24 Jahren im Dienst und kann die Aussagen des Kollegen so nicht unterschreiben. Auch bei uns sind die Klassen größer geworden und die Kinder auffälliger, weil ja versucht wird, so viele wie möglich in den Regelschulen zu inkludieren. Wir versuchen uns als Kollegium gegenseitig zu entlasten, was nicht heißt, dass wir mehr Doppelbesetzungen haben, aber manchmal hilft auch die kollegiale Fallberatung oder einfach der Austausch. Unser Chef ist dabei eine große Stütze, er achtet auch darauf, dass die Aufgaben einigermaßen gerecht verteilt werden. Ich arbeite schon lange in Teilzeit und der freie Tag dient zur Entspannung. Trotzdem habe ich eine eigene Klasse, muss Zeugnisse und Förderpläne schreiben, was mich zu den entsprechenden Terminen stresst. Meine Tochter hat letztes Jahr Abi gemacht und ihren Studienplatz in Sonderpädagogik ab Herbst, sie möchte allerdings mit Geistigbehinderten arbeiten. Ich find es gut. Wenn ich so unzufrieden wäre wie der Kollege aus dem Bericht, würde ich mich nach einer anderen Stelle umsehen.
    Liebe Grüße von Claudia

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  3. Ganz ehrlich... Das sind momentan Zustände, wie sie auch an Regelschulen zu finden sind. Zumindest habe ich viele angesprochene Probleme entdeckt, die auch bei uns an der Grundschule so laufen. Ja, wir führen vermutlich weniger Gespräche und schreiben kaum Förderpläne, sind aber auch mit Dingen wie Inklusion und Klassengrößen mit weit über 20 Kindern beschäftigt, in denen sich auch verhaltensauffällige Kinder mit lernschwachen Kindern/ Inklusionskindern, Kinder, die die deutsche Sprache nicht beherrschen oder einfach welchen, die keinerlei Unterstützung zuhause bekommen, die Klinke in die Hand geben. Zeit für einzelne Kinder bleibt schon lange auf der Strecke, die muss ich mir bewusst im Unterricht freischaufeln. Ja und dann gibt es halt Tage, an denen dürfen die stärkeren Kinder lesen, während ich mit den Kindern, die z.B. mit der ZR-Erweiterung bis 1000 noch Probleme haben einzelne Schritte wiederhole und in Kleingruppen erkläre, um das irgendwie aufzufangen und die aufkommende Frustration nicht vollends aufbrechen zu lassen. Dazu kommt, dass die Lehrerversorgung (sorry!) unter aller Sau ist und wir echt unterbesetzt sind und zum Schuljahresbeginn verschiedene Teilzeitkräfte nochmal aufstocken mussten, um den Pflichtunterricht abzudecken.

    Dennoch liebe ich meinen Beruf und bin auch nicht bereit meine persönlichen Ideale aufzugeben, dazu sind mir "meine" Kids zu wichtig! Es bleibt die Hoffnung, dass sich die Bedingungen irgendwann wieder bessern. Schlechtes Gewissen? Ja, leider auch manchmal, aber man muss sich (wenn es denn so ist, und es nicht nur Dienst nach Vorschrift ist - wobei ich dafür nach Depression/Burn Out schon Verständnis habe) immer wieder sagen, dann man doch sein Bestes gibt und man aber eben leider auch nicht die Welt retten kann.
    Sorry für den langen Text, aber das lag mir nun doch am Herzen!
    Grüße Tanja

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    1. Liebe Tanja!
      Du bringst es auf den Punkt! Mehr kann ich dazu gar nicht sagen :-)
      Außer vielleicht, dass ich die Zusammenarbeit mit dir und anderen Kollegen aus der Grundschule sehr schätze und ich wahnsinnig vom Austausch und den Einblicken profitiere, den ich durch meine Arbeit in der Inklusion bekomme.
      Liebe Grüße, Susi

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  4. Hallo!

    Ich bin an zwei Tagen an der Grundschule, an drei Tagen als Klassenleitung an der Förderschule. Ich bin ehrlicherweise froh, wenn diese Zeit vorbei ist. Und das liegt nicht an der Grundschule!
    Man ist einfach zerrissen zwischen zwei Schulen ... hat das Gefühl, man ist an der Grundschule nur der Tropfen auf den heißen Stein.
    Ich betreue alle Vorschulkinder, mache dort die Diagnostik. Schreibe die Anlagen zu den Zeugnissen, unterstütze bei Anträgen, schreibe Förderpläne, Gutachten usw. ... betreue natürlich auch alle Förderkinder an der Schule und habe ebenfalls den Blick auf alle anderen (LRS usw.) ... Ich habe 5 Unterrichtsstunden, eine Stunde pro Woche für Vorschule und 4 Stunden Teamunterricht. Das soll mir bitte jemand erklären wie man hier in den wenigen Stunden so unterstützen soll/kann, dass man selbst zufrieden nach Hause geht. Ich bin für jeden Vorschlag offen ...

    Ich möchte nicht jammern ... jeder Beruf hat seine Schattenseiten. Aber zufrieden bin ich mit meiner Arbeit nicht unter diesen Bedingungen und ich behaupte, dass ich alle Energie gebe, die ich geben kann (man hat ja auch noch eigene Familie ...).
    Mal abgesehen davon, dass ich zwei Tage an meiner eigentlichen Schule und Klasse fehle ...


    Resignation gibt es hier (noch) nicht, aber vielleicht auch nur, weil ich weiß, dass dies (für mich!) am Schuljahresende ein Ende hat, da ich nicht noch einmal freiwillig eine Abordnung annehme. Dies heißt, ich bin dann lediglich an meiner Stammschule ...

    Ich wünsche mir sehr, dass für unseren Beruf (im Übrigen alle sozialen Berufe!!) andere Bedingungen geschaffen werden. Für uns und vor allem für die Kinder!

    Ich wünsche allen Kollegen einen wunderbaren Wochenbeginn!

    Stephanie

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    1. Liebe Stephanie!
      Klassenleitung UND Abordnung ist schon heftig! Da verstehe ich dich vollkommen, dass du dich zerrissen fühlst.
      Vor allem, wenn man z.B. durch begrenzte Stunden nicht viel ausrichten kann. Auf bessere Bedingungen kann ma nur hoffen...
      Ich wünsche dir alles Gute und drücke die Daumen für kommendes Schuljahr!
      Liebe Grüße, Susi

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  5. Ich habe den Kommentar auch gelesen und konnte ihm in vielen Bereichen nur zustimmen. Ich bin zwar "nur" normale Grundschullehrkraft, komme mir aber teilweise vor wie an einer sehr schlecht besetzten Förderschule. Bis zum letzten Schuljahr hat mir die Arbeit größtenteils sehr viel Spaß gemacht und ich bin immer gerne zur Schule gegangen. Ich habe meine 4. Klasse abgegeben und habe mich auch total darauf gefreut mit einer 1. wieder von vorne anzufangen. Der Alltag mit dieser Klasse ist mehr als herausfordernd. Es befinden sich 27 Kinder in der Klasse (zum Halbjahr dann wohl 30). Von den 27 Kindern haben 24 einen Migrationshintergrund. 7 sprachen zur Einschulung kein Wort Deutsch (jetzt sieht das natürlich noch nicht viel anders aus). 6 waren nie in einem Kindergarten. Von allen 27 Kindern hatten lediglich 3 im schulärztlichen Gutachten keinen erhöhten Förderbedarf in irgendwelchen Bereichen. Bei 3 Kindern wurde sogar die Überprüfung des sonderpädagogischen Förderbedarfes empfohlen. Bei einem stellte sich daher eine Lernbehinderung heraus. Dank ihm habe ich nun den Förderschullehrer für 2 Stunden die Woche in meiner Klasse. Diese 2 Stunden sind die einzige Doppelbesetzung, ansonsten bin ich komplett alleine. Dass ich den Sonderpädagogen in diesen 2 Stunden nicht mit dem einen Kind rausschicke, sondern ihn behalte, damit er mich mit allen anderen Kindern ein wenig unterstützt, kann man sich vielleicht vorstellen. Wie man das alleine stemmen soll, ist mir ein sehr großes Rätsel und wenn das so weitergeht, dann weiß ich auch nicht wie lange ich das noch aushalten soll. Die Kinder können da am wenigsten für und sind die größten Leidtragenden. Das ist echt schlimm was da gerade passiert.

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    1. Die Grundschule müssen sich mit einer Heterogenität (verzeiht mir den Ausdruck) "herumschlagen", wie keine andere Schulart. Ich habe größten Respekt vor Kollegen, die in einer Klasse wie deiner unterrichten und täglich versuchen, ihr Bestes zu geben!
      Liebe Grüße, Susi

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  6. ... im Grund ist es doch überall das gleiche Problem: Es fehlt an Personal. Die damit verbundene Belastung des Lehrers frisst die Kapazität für einzelne, besondere Schüler auf.
    Ich unterrichte an einer Grundschule mit Schulprofil Inklusion. Hier ist an zwei Tagen ein Sonderpädagoge anwesend, der uns im Unterricht unterstützt, diagnostiziert, Elterngespräche (mit)führt und - das ist leider seine Haupttätigkeit- die Krankheitsfälle vertritt. Theoretisch hätte im letzten Schuljahr zwei Stunden den SoPäd und zwei Stunden eine GS Kollegin mit im Unterricht gehabt, um die drei Kinder mit sopäd. Förderbedarf und (inoffiziell) auch die drei Kinder ohne Deutschkenntnisse zu fördern. Praktisch war das leider oft nicht möglich. Frustrierend, wenn man vorher extra auf diese Stunden komplexe Sachverhalte geplant hatte- die man dann spontan alleine unterrichten muss.
    In der Parallelklasse war der Sopäd sogar dafür eingesetzt, die Klasse im kompletten Schuljahr (!) zu betreuen, weil die Kollegin mit 3 Stunden an eine andere GS abgeordnet war und den Schulwechsel über 15km nicht zwischen 10:35 und 10:30 (richtig, selbst mit Teleportation wäre sie 5 Minuten zu spät gekommen) schaffen kann!
    Und dann soll man in Elterngesprächen die Grundschule mit Schulprofil Inklusion für schwache Kinder bewerben? Aja. Naja, falls mein Kind sonderpädagogischen Förderbedarf hat, werde ich es sicherlich nicht an eine GS mit diesem Profil schicken- hört sich zwar theoretisch ganz nett und toll an, aber in der Realität bleibt das Kind auf der Strecke.
    Ein kleines Schmankerl noch am Rande: Aktuell bin ich in Elternzeit zu Hause, mein Mutterschutz begann Ende August. Zum bayrischen Schulbeginn im September wäre ich also garantiert nicht mehr an einer Schule einsatzfähig. Trotzdem wurde erhielt ich in der Schulusskonferenz die Abordnung zur mobilen Reserve: für drei Wochen bayrische Sommerferien. Und dann wundert sich noch jemand, warum von den x mobilen Reserven irgendwann keine mehr verfügbar ist...
    Trotzdem liebe ich meinen Beruf nach wie vor und freue mich, nach der Familienphase wieder an die Schule zurückzukehren. Allerdings haben sich auch bei mir die Ideale aus der Studienzeit deutlich verändert und auch reduziert.
    Kopf hoch! Weiterkämpfen! Für die Kinder!
    Tanja

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    1. Hallo Tanja!
      Was du beschreibst, hat eine Kollegin einmal folgendermaßen zusammengefasst: "Ich sage den Eltern bei der Entscheidung mittlerweile: Wenn Sie wollen, dass Ihr Kind gut integriert ist, dann wählen Sie die Inklusion. Wenn Sie aber möchten, dass Ihr Kind bestmöglich gefördert wird, schicken Sie es an ein SBBZ"
      Letztlich steht und fällt vieles mit der Lehrerversorgung. An meinem SBBZ gibt es noch die Doppelbesetzung. Ich würde mir das auch sehr für die Grundschulen wünschen!
      Liebe Grüße, Susi

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  7. Ich arbeite in Niedersachsen an einer Förderschule und bin aktuell nicht abgeordnet. Unsere Arbeitsbedingungen sind für mich zufriedenstellend, wir können aufgrund des guten Standortes aber in der Regel auch viele Stellen sofort besetzen.
    Ich bin mit allen Stunden in einer Klasse eingesetzt, was für mich der totale Luxus ist. Klassengröße und Personalschlüssel passt (wenn alle gesund sind) auch.
    Für die Kollegen in der Inklusion sieht das jedoch ganz anders aus, für die klingt es deutlich problematischer.

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    1. Hallo Anne!
      Es ist auch mal schön zu hören, dass die Bedingungen bei jemanden stimmen :-) Dass das auch noch lange so bleibt, wünsche ich dir sehr!
      Liebe Grüße, Susi

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